Frau D. kam zur Therapie, um für sich etwas gegen ihre Mobbingprobleme auf der Arbeitsstelle zu unternehmen. Im Verlauf unserer Zusammenarbeit und aufgrund einer Arbeitsdiagnoseerstellung stellten wir fest, dass es sich jedoch nicht um ein so genanntes Mobbingproblem handelte. Es wurde deutlich, dass sich ein anderes Problem stellte. Sie konnte sich mit ihrem Aufgabenbereich weder von dem ihres Abteilungsleiters noch von den Aufgabenbereichen ihrer Kolleginnen und Kollegen ausreichend abgrenzen. Dadurch geschah es, dass sie weit über ihren eigentlichen Aufgabenbereich beschäftigt wurde. Sie erledigte Aktivitäten für andere, die nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehörten.
Frau D. sorgte also nicht gut genug für sich selbst, hatte zu wenig Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Die biografische Auseinandersetzung ergab, dass sie als ältestes Kind von mehreren Geschwistern gelernt hatte, ihre Bedürfnisse zurück zu stecken und zu helfen. Dementsprechend verhielt sie sich auf der Arbeitstelle. Sie passte sich ohne Gegenwehr den Forderungen ihres Vorgesetzten sowie ihrer Kollegen an, um eine „Harmonie“ aufrecht zu erhalten. Die „Harmonie“ ging jedoch zu ihren Lasten. Kam sie von der Arbeit nach Hause, war sie unzufrieden und verärgert über ihre Arbeitsbedingungen.
Wir arbeiteten die psychodynamischen Reaktionen heraus, die durch Frau D.s Verhalten bei den Kollegen und ihrem Vorgesetzten hervorgerufen wurden: Der Vorgesetzte sowie die Kollegen von Frau D. nahmen sie nicht ernst, zeigten ihr gegenüber mangelnden Respekt, indem sie sie in den Abteilungsbesprechungen bloß stellten, ihr das Wort abschnitten, ihr nicht zuhörten etc. Ab dem Zeitpunkt, an dem Frau D. langsam begann, sich mehr Gehör zu verschaffen, indem sie ihre Meinung offen äußerte, das Bloßstellen und Wortabschneiden in den Gesprächen sofort ansprach und sich verbat, sie auch „nein“ sagte, wenn sie wieder einmal zusätzliche Arbeiten übernehmen sollte, veränderte sich die Situation: Ihr Vorgesetzter begann ihr zuzuhören, sie zu akzeptieren, zu respektieren und ihre Meinung wertzuschätzen. Das bedeutete jedoch nicht, dass damit die Launenhaftigkeit Ihres Vorgesetzten verändert wurde. Aber Frau D. hat gelernt, sich davon nicht mehr so schnell verunsichern zu lassen, ihren Selbstwert nicht mehr in Zweifel zu ziehen und sich nicht mehr als inkompetent wahrzunehmen...
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